B E H A N D L U N G E N
Angst behandeln ohne Konfrontation mit der Angst.
Was geschieht bei einer langfristigen Angst-Behandlung ohne Konfrontation?
Angst behandeln, ohne Konfrontation
8 Min. Lesezeit.
Viele Menschen leben seit Jahren mit mindestens einer störenden, bzw. belastenden Angst. Sie haben sich damit auf einer Art und Weise eingerichtet. Man nimmt die Treppe statt den Aufzug, sagt Einladungen ab, plant Umwege, hält sich Hintertüren offen. Nach außen funktioniert das oft erstaunlich gut. Nach innen kostet es jeden Tag Kraft.
Und wenn dann der Gedanke an eine Behandlung auftaucht, folgt fast immer sofort ein zweiter Gedanke: Dann muss ich da ja durch. Dann muss ich in den Aufzug steigen, vor die Gruppe treten, ins Flugzeug. Genau das also, wovor ich Angst habe. Â
Diese Vorstellung hält mehr Menschen von einer Behandlung ab, als man denkt. Sie ist verständlich. Aber sie ist heute nicht mehr in jedem Fall berechtigt. Es gibt Ansätze, die anders arbeiten – EMDR gehört dazu, ebenso DFRD. Methoden, bei denen Sie sich nicht wieder und wieder Ihrer Angst aussetzen, sich konfrontieren müssen, damit sich etwas verändert.
Worum es in diesem Text geht: warum sich eine gründliche, langfristige Behandlung lohnt. Nicht als schnelle Lösung, sondern als gründliche Behandlung, mit tieferen und umfassenderen Auswirkungen.Â
## Die Angst vor der Behandlung
Wer eine Angststörung hat und sich informiert, stößt schnell auf den Begriff Konfrontation. Die klassische Verhaltenstherapie arbeitet bei Ängsten häufig mit Expositionsübungen: Man sucht die gefürchtete Situation gezielt auf, hält die Angst aus und bleibt so lange, bis sie von selbst nachlässt.
Das ist gut untersucht, und für viele Menschen funktioniert es. Aber es hat einen wunden Punkt, über den selten gesprochen wird: Ein erheblicher Teil der Betroffenen beginnt eine solche Behandlung gar nicht erst. Oder bricht sie ab, wenn die ersten Übungen anstehen. Die Hürde ist schlicht zu hoch. Und das ist kein persönliches Versagen. Wenn ein Nervensystem seit zwanzig Jahren gelernt hat, eine Situation als Gefahr zu behandeln, dann ist der Impuls, sich ihr nicht freiwillig auszusetzen, kein Mangel an Willenskraft. Er ist die Angst selbst. Und das ist ja genau das, wovor man Angst hat. Es ist also das was man unter allen Umständen vermeiden will. Kein Wunder, dass es die unbeliebteste Methode ist.Â
So entsteht eine stille Angst: die Furcht vor der Therapie. Und mit ihr vergehen oft weitere Jahre, in denen sich das Leben Stück für Stück verkleinert.
 ## Es geht auch anders
In den letzten Jahrzehnten haben sich Methoden etabliert, die einen anderen Zugang wählen.
EMDR wurde ursprünglich für die Behandlung von Traumafolgen entwickelt und wird inzwischen auch bei Ängsten eingesetzt. Die Grundidee: Belastende Erfahrungen, die nicht richtig verarbeitet wurden, bleiben im Gedächtnis gewissermaßen „roh“ liegen – mitsamt der Angst, die damals dazugehörte. In der EMDR-Sitzung wird eine solche Erinnerung kurz berührt, während gleichzeitig eine sogenannte bilaterale Stimulation stattfindet, meist über geführte Augenbewegungen. Das Nervensystem bekommt so die Gelegenheit, die alte Erfahrung nachträglich zu verarbeiten. Man muss die Angst dabei nicht in voller Wucht durchleben, und man muss sich der gefürchteten Situation nicht real aussetzen.
DFRD ist für die Angst-Behandlung entwickelt worden. Die Grundidee: Belastende Emotionen, die nicht richtig verarbeitet wurden, bleiben im Körper als Verspannung und werden dort, direkt behandelt, bzw. die Verspannung wird direkt reduziert. Die Methode ist noch einfacher als EMDR, da keine bilateralen Stimulationen nötig sind.  In der DFRD-Sitzung wird die Angst kurz adressiert, dann wird körperorientiert die Verspannung direkt, ohne Konfrontation, reduziert. Das ist ähnlich wie ein inneres Geschicklichkeitsspiel. Man kommt damit in keine konfrontierende Situation, die Angst wird nicht ausgelöst. Das, was gemacht wird, ist das Bewusstsein, in die Verspannungen zu lesen.Â
## Was hinter der Angst liegt
Eine Angst steht selten für sich allein. In der tiefenpsychologischen Arbeit zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Unter der sichtbaren Angst liegt eine negative Überzeugung über sich selbst oder die Welt. Sätze wie: Ich bin nicht sicher. Ich genüge nicht. Ich bin allein. Ich darf keine Fehler machen.
Solche Überzeugungen/Kognitionen/Glaubenssätze entstehen meist in der frühkindlichen Zeit, zwischen Geburt und vier Jahren, in Situationen, in denen ein Kind überfordert war und sich die Welt irgendwie erklären musste. Sie sind damals nicht destruktiv oder masochistisch gewesen – diese kindlichen dysfunktionalen Überzeugungen waren die beste verfügbare Antwort. Der geistige Horizont eines Kindes ist einfach sehr limitiert, zudem ist das Kind angewiesen auf die erziehende Person, diese Verbindung gilt es zu schützen. Doch im heutigen Alter sieht die innere Welt ganz anders aus, man braucht keinen solchen Schutz mehr, aber Ängste und Glaubenssätze laufen nun im Erwachsenenleben weiter, meist unbemerkt, und die Angst ist damit auch weiterlaufend, ihr treuester Wächter. Ein unbewusster Schutz der ein unbewussten Käfig fabriziert hat. Und die immer noch aktive negative Kognition limitiert ein, auch ohne das es denjenigen bewusst ist.Â
Deshalb wirkt eine Behandlung, die an dieser körperlichen Ebene ansetzt, anders. Sie ist nicht darauf angewiesen, dass Sie eine bestimmte Situation üben. Sie verändert die Grundlage.
## Der Körper erinnert sich
Körperorientierte Arbeit, wie sie etwa DFRD nutzt, bezieht diese körperliche Ebene deshalb bewusst ein. Die verdrängten Ängste, sind über den Körper erreichbar – und dort können sie sich auch lösen. Nicht als schneller dramatischer Durchbruch, sondern meist als allmähliches Nachlassen von etwas, das man jahrelang für seinen Normalzustand gehalten hat. Denn man darf nicht vergessen, wir sind mit der Angst aufgewachsen und auch, bzw. besonders mit den Auswirkungen der Ängste. Das beinhaltet auch die die Vermeidungsstrategien der Abwehrmechanismen. Das alles lässt bei einer langfristigen Behandlung nach.Â
## Warum schnelle Lösungen selten halten
Es gibt viele Werkzeuge, die im Alltag mit Angst helfen: Atemtechniken, Ablenkung, feste Rituale, notfalls Medikamente. Nichts davon ist verkehrt. Wer mitten in einer Paniksituation steckt, braucht zuerst etwas, das jetzt hilft.
Aber man sollte ehrlich benennen, was diese Werkzeuge tun: Sie verwalten die Angst; man lernt mit den Auswirkungen zurechtzukommen. Aber sie verändern sie nicht. Es ist, wie bei einem Wasserschaden einen Eimer unterzustellen. Der Eimer ist sinnvoll. Er ersetzt nur nicht die Reparatur des Rohrs.
Das Tückische am reinen Verwalten ist, dass es sich mit der Zeit ausweitet. Die Vermeidung wird zur Gewohnheit, die Gewohnheit zur Lebensform. Die Angst selbst bleibt dabei nicht stabil – unbehandelt neigt sie dazu, ihr Gebiet zu vergrößern. Was mit dem Aufzug begann, betrifft irgendwann auch das Parkhaus, den vollen Zug, den Kinosaal. Das ist deshalb so, weil die Psyche alles ausbalancieren will, und so eine verdrängte Emotion ist alles andere als ausbalanciert. Deswegen werden die Auswirkungen normalerweise auch stärker. Letztendlich sind das alles Zeichen, dass Sie das behandeln sollen. Das will die Psyche, sie will Sie damit konfrontieren, damit Sie das behandeln. Â
## Was sich verändert, wenn die Wurzel sich löst
Der interessanteste Effekt einer ursächlichen Behandlung ist nicht, dass die Angst kleiner wird. Es ist das, was sonst noch passiert.
Löst sich die Angst, verändern sich viele Bereiche oft mit – ohne dass sie je Thema der Behandlung waren. Menschen berichten dann von Dingen, die auf den ersten Blick nichts mit ihrer Angst zu tun haben: Sie schlafen ruhiger. Sie können Nähe besser aushalten. Sie treffen Entscheidungen schneller. Sie merken, dass eine Daueranspannung fehlt, von der sie nicht wussten, dass sie da war.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen Symptombehandlung und Ursachenbehandlung. Die eine macht eine Situation erträglich. Die andere verändert das Fundament, auf dem viele Situationen stehen.
## Wie lange dauert das – ehrlich?
Eine ursächliche Behandlung braucht Zeit. Jeder hat Ängste unterschiedlich stark in sich, daher ist es unmöglich darauf eine allgemeingültige Antwort zu geben. In unserer 12-jährigen Behandlungszeit, in der wir gründlich und vollständig behandelten, haben wir angefangen, Ängste in der Behandlungszeit zu messen. Das ist zwar subjektiv, aber immerhin hat man dann was zum Einordnen und Vergleichen. Wir hatten Ängste, die ziemlich schnell behandelt wurden, in ein, zwei Wochen, bei einer täglichen Behandlungszeit von ca. 2 Stunden. Doch dann gab es auch größere Ängste, das waren dann mehrere Monate. Je länger die Behandlungszeit, desto stärker waren dann auch die Auswirkungen. Nicht nur reduziert sich die Angst, sondern es entstehen auch Ruhe und mehr Kraft, bei langfristigen Behandlungen.Â
Aber diese Zeitspanne verdient einen realistischen Maßstab. Die meisten Menschen, die sich zu einer Behandlung entschließen, leben seit fünf, zehn, zwanzig Jahren mit ihrer Angst. Und ständig geht es darum, mit den Auswirkungen irgendwie zurechtzukommen. Gemessen daran sind mehrere Monate Behandlung, bei täglich 2-3 Stunden, kein langer Weg. Und anders als beim jahrelangen Verwalten ist es ein Weg, der irgendwann ein Ende hat.
## Der erste Schritt
Sie müssen nicht warten, bis die Angst kleiner geworden ist, um anzufangen. Das ist vielleicht der häufigste Denkfehler: erst ein bisschen stabiler werden, dann Hilfe suchen. Es funktioniert umgekehrt.
Eine Angst, die seit Jahren besteht, verschwindet selten von allein. Aber sie ist behandelbar – gründlich, an der Wurzel und ohne dass Sie durch die Hölle müssen. Das dauert länger als jeder schnelle Trick. Dafür verändert es nicht nur eine Situation, sondern die Art, wie Sie sich in Ihrem eigenen Leben bewegen. Und das ist am Ende der Unterschied, um den es geht.
WER NICHT DIE URSACHEN AUFLÖST, WERKELT NUR AN SYMPTOMEN.
„Das Denken wird die Angst nicht überwinden, wohl aber das Handeln.“
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